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Von der Suche nach dem Sinn des Lebens

02.03.2026

Was der eigenen Existenz Bedeutung gibt: Ein Gespräch mit der Philosophin Monika Betzler und dem Philosophen Christof Rapp

Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat Menschen zu einer Fülle von Antworten herausgefordert. Es gibt dazu Schätzungen zufolge Milliarden Einträge im Netz, um das nur mal als Maßzahl zu nennen ...

Monika Betzler: Um die Frage nach dem Sinn kommen wir als reflektierte Wesen nie herum, schon weil nicht immer alles in unserem Leben gut läuft. Vor allem in Krisen- und Grenzsituationen stellt sie sich uns ganz unmittelbar, im Alter oder bei schweren Krankheiten, wenn der Tod näher rückt, oder wenn wir den Job verlieren, dann ziehen wir Bilanz: Was habe ich mit meinem Leben erreicht? Welche „Signifikanz“ kommt ihm zu?

Natürlich können wir uns auch fragen: Kann ich eine kohärente Geschichte über mein Leben erzählen und würde sie einen verstehbaren Sinn ergeben? Aber das reicht nicht. Ich kann mein ganzes Leben darauf ausrichten, Grashalme zu zählen, das wäre verstehbar, aber wäre es auch sinnvoll?

Prof. Dr. Monika Betzler und Prof. Dr. Christof Rapp

am Center for Advanced Studies der LMU

Was wäre sinnvoll?

Betzler: Davon gibt es viele, sehr unterschiedliche Vorstellungen. Ich glaube, sie alle eint, dass wir etwas suchen, das größer ist als wir selbst. Etwas, das über das hinausgeht, was uns glücklich macht oder unsere Wünsche befriedigt. Es muss mehr sein als die subjektivistische Auffassung des Wohlergehens oder des guten Lebens. Es ist ja kein Zufall, dass es viele theologisch inspirierte oder religiöse Auffassungen vom Sinn des Lebens gibt.

Aber ich persönlich denke, dass es uns in der modernen Welt gelingen sollte, eine Auffassung von Sinn zu gewinnen, die ohne solch stark metaphysische Annahmen über einen Gott auskommt. Obwohl ich Menschen, die religiös sind, zugestehe, dass dies ihnen besonderen Sinn gibt.

Rapp: Sinn im Leben ist nur eine Wertdimension, die zu einem guten Leben beitragen kann. Lust, Freude, Vergnügen, auch die Erfüllungsgefühle, die man am Leben hat, die bilden sozusagen eine andere Wertdimension. Eine dritte ist Moral, moralisches Handeln.

Sie sprechen gerade vom Sinn im Leben …

Rapp: Ja, ganz bewusst. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist wohl als solche gar nicht zu beantworten. Sie wirft ein ganzes Bündel von Fragen auf und beruht zudem auf falschen Analogien und problematischen Vorannahmen. Nur ein Beispiel: Wenn wir uns den Sinn als eine Art Zweck denken, ist da vermutlich eine falsche Analogie im Spiel: Man redet dann vom Sinn des Lebens wie vom Sinn eines, sagen wir, Dosenöffners. Der Hersteller hat dem Dosenöffner einen bestimmten Zweck gegeben. Wer hat dem Menschen seinen Zweck gegeben?

Viele meinen, die Religionen?

Rapp: Es mag den Anschein haben, dass sich alle Fragen lösen ließen, wenn man nur die Existenz eines allmächtigen Gottes annimmt, der diesen Zweck für uns Menschen bestimmt. Dann müsste man aber auch davon ausgehen, dass er ein Interesse an einer solchen Zwecksetzung habe und wir den Zweck erkennten und annähmen. Darum sollten wir lieber fragen, was unserem individuellen Leben Sinn gibt, was ihm Wert und Bedeutung verleiht. Aber um noch einmal anzuschließen: Sinn ist eine der Wertdimensionen eines guten Lebens.

Betzler: Insofern ist der Begriff des guten Lebens weiter gefasst als der Begriff eines sinnvollen.

Rapp: Genau. Aber ehrlich: Wenn ich morgens aufstehe, denke ich nicht als Erstes daran, was ich jetzt tun kann, um ein moralisches Gebot zu erfüllen oder eine Spaßbilanz zu optimieren. Sondern das, was ich dann tatsächlich mache, ist im besten Fall dadurch bestimmt, dass ich größere Aufgaben, Projekte verfolge, von denen ich denke, dass sie mein Leben sinnvoller machen.

Video: Was ist der Sinn des Lebens?

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Literaturwissenschaftlerin Juliane Prade-Weiss, Philosophin Monika Betzler und Palliativmedizinerin Claudia Bausewein geben Antwort.

25.02.2026

Eine Idee von Autonomie

Sinnvoll leben, gutes Leben – welche Rahmenbedingungen braucht es dafür?

Betzler: Natürlich findet unsere Sinnsuche nicht im luftleeren Raum statt. Es gibt eine Menge äußerer Faktoren, die die Entfaltung beeinflussen, sie fördern, behindern oder gar verhindern. Gesundheit wäre eine der Bedingungen, Glück (im Sinne von Zufallsglück), ganz banal, gehört auch dazu. Auch soziale Bedingungen erleichtern es wesentlich, ein sinnvolles Leben zu führen. Wenn wir etwa einer marginalisierten Gruppe angehören und nicht den Respekt und die Anerkennung erhalten, die wir benötigen, um uns selbst Wert zuzuschreiben, fehlt uns eine wichtige Voraussetzung, um unserem Tun und den Zielen, die wir verfolgen, Wert zuzuschreiben.

Rapp: Natürlich spielen auch die gesellschaftlichen Verhältnisse eine entscheidende Rolle. Um nur ein Beispiel zu nennen, das klassische Szenario der Berufswahl. Da gibt es unter Abiturienten die Diskussion: Irgendwie möchte ich viel Geld verdienen, ich möchte aber auch etwas tun, was sozial ist und zum Sinn in meinem Leben beiträgt und so weiter. Sich solche Gedanken machen zu können, das hat natürlich etwas Privilegiertes. Wie viele Menschen haben gar nicht die Chance zu sagen, welchen Beruf sie ergreifen möchten? Oder wenn wir ein/zwei Generationen zurückblicken, da hatten viele Menschen nicht die Möglichkeit, Frauen sowieso nicht, selbst zu bestimmen, welches Leben sie führen wollen, damit es sinnvoll wird.

Betzler: Autonomie ist insofern auch eine wichtige Ermöglichungsbedingung von Sinn: dass wir in der Lage sind, selber zu wählen, welche Werte wir tatsächlich schätzen können. Wenn mir vom Vater diktiert wird, du wirst Bäckerin und übernimmst den Laden, kann ich womöglich allein deswegen keinen sinnvollen Beruf dahinter sehen.

Der Sinn des Lebens entsteht, wenn wir in der Lage sind, objektiv Wertvolles subjektiv wertzuschätzen, sagen Sie deshalb. Was ist denn aus Ihrer Sicht objektiv wertvoll?

Betzler: Klar, es mag sich darüber streiten lassen, ob es objektive Werte gibt. Es gibt aber sicher vieles, auf dessen Wert Menschen sich durchaus einigen können. Wie auch darauf, dass das Zählen von Grashalmen nicht dazugehört. Das lässt eine große Pluralität von Werten zu. Aber wichtig ist, dass es uns selbst etwas wert ist, dass wir das schätzen können. Besonders hilfreich sind hierbei persönliche Projekte und Nahbeziehungen. Dies sind „diachrone Engagements“, die uns helfen, über die Zeit hinweg stabil etwas wertzuschätzen, das auch wertvoll ist. So kann ich mich etwa für den Regenwald einsetzen – ein persönliches Projekt – oder für meine Kinder – eine Nahbeziehung – und die damit verbundenen wertvollen Dimensionen schätzen.

Rapp: Genau, es gibt eine subjektive und eine objektive Komponente. Denn auch wenn etwas von allen anderen geschätzt wird – wenn ich es selbst nicht schätzenswert finde, trägt es nicht dazu bei, dass ich mein Leben dadurch als sinnvoller ansehe.

Antworten auf Schopenhauer

Prof. Dr. Christoph Rapp

Prof. Dr. Christof Rapp

Inhaber des Lehrstuhls für Antike Philosophie an der LMU und Direktor des LMU Center for Advanced Studies (CAS) | © LMU/Florian Generotzky

Worin das gute Leben besteht und wie man gut leben soll – das ist die Grundfrage der antiken, griechischen Ethik oder Moralphilosophie. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist demgegenüber jung. Woher kommt sie?

Rapp: Diese merkwürdige Begriffsschöpfung taucht erst im späten 18. Jahrhundert auf, im Deutschen etwa bei Kant und Fichte als Wert des Daseins, Wert des Lebens, Sinn des Lebens.

Im Englischen findet sich eine der frühesten dokumentierten Stellen 1834 in einem Roman des schottischen Autors Thomas Carlyle. Das ist eine kuriose Geschichte: Er zeichnet die Karikatur eines deutschen Gelehrten und nennt ihn Herrn Teufelsdröckh. Dieser exzentrische Charakter stellt etwas sonderbare Fragen – unter anderem nach ,the meaning of life‘.

In diesem Sinn also eine frühe Variante des leicht bekifften Science-Fiction-Klassikers Per Anhalter durch die Galaxis, in dem ein Großcomputer in Millionen Jahren Rechenzeit den Sinn des Lebens in der Zahl 42 ermittelt?

Rapp: Ja, wenn Sie so wollen. Der eigentliche Boom des Begriffs setzt mit der sogenannten ‚pessimistischen‘ Philosophie Arthur Schopenhauers ein. Sie ist pessimistisch in dem Sinn, dass der Wille uns zu einem Streben veranlasst, das eigentlich nie befriedigt werden kann. Immer, wenn wir das vermeintliche Ziel erreichen, merken wir, dass uns das nur frustriert. Und deswegen denkt man über Schopenhauer, er stehe sozusagen dafür, dass das Leben die Sache nicht wert ist.

Demgegenüber kommt es von der Mitte des 19. Jahrhunderts an zu einer Explosion an literarischen Produktionen, die Schopenhauer entgegenzuhalten versuchen, dass das Leben doch zustimmenswert sei. Damit ist der Begriff vom Sinn des Lebens endgültig etabliert.

Betzler: Und Schopenhauers Ideen haben noch 100 Jahre später ein Revival mit den Existenzialisten, die sagen, das Leben sei absurd.

Rapp: Genau, die schreiben damit vor allem gegen einen vorgegebenen Sinn an, weil sie sagen, alles hänge daran, dass wir das selbst definieren. Es komme auf Autonomie und Selbstdefinition an. Und damit lassen sie sich sozusagen wieder in den Diskurs darüber, was das Leben sinnvoll macht, integrieren. Schließlich gehen auch wir Menschen heute davon aus, dass ein Mindestmaß an Autonomie und Authentizität dafür erforderlich ist.

Darum empfehle ich meinen Studierenden den Film The Truman Show. Er zeigt die Geschichte eines jungen Mannes, der in einer 24-Stunden-TV-Show aufwächst. Irgendwann findet er heraus, dass alles in seinem Leben inszeniert war. Da sitzt eine Regie oben, die ihm zu allem Anweisungen gibt. Er muss also schließlich erkennen, dass nichts in seinem Leben je autonom und authentisch war. Doch irgendwann gelingt ihm die Flucht aus der Kulissenwelt in eine reale Welt, was die Voraussetzung für ein sinnvolles Leben ist.

Sinn finden in den Krisen

Monika Betzler

Inhaberin des Lehrstuhls für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU

Authentizität gewinnen, etwas schätzen lernen – das gehört zu den Aufgaben, mit denen Jugendliche sich ihre Zukunft erschließen. Neuere Studien aber warnen, dass sie zunehmend unter Ängsten leiden. Kommt der jungen Generation damit das Sinnstiftende abhanden?

Betzler: Vielleicht schaffen wir manchmal für junge Menschen schlechte Bedingungen, Sinn in ihrem Leben zu finden. Was sie dazu brauchen, ist ja, dass man ihnen Optionen zur Verfügung stellt, Wertvolles zu verfolgen. Und auch herauszufinden, ob sie selbst das schätzen können.

Aber dazu brauchen sie auch Geduld, Ausdauer und einen gedanklichen Freiraum. Doch nicht zuletzt durch Social Media sind junge Leute heute zum permanenten sozialen Vergleich herausgefordert: nicht intrinsisch etwas zu verfolgen, sondern sich selbst zu bewerten und darzustellen. Das ist nicht hilfreich, um zu lernen, intrinsisch wertvolle Dinge schätzen zu lernen. Denn dies passiert nicht von heute auf morgen, sondern bedarf des Ausprobierens und der Möglichkeiten, dies zu tun.

Ich möchte auf die Krisenhaftigkeit hinaus, auf eine mögliche Grundstimmung nach dem Motto: Ihr Alten habt die Sache vor die Wand gefahren. Was macht da jetzt überhaupt noch Sinn?

Betzler: Natürlich gibt es die Vorwürfe, dass wir Menschen gerade dabei sind, diese Welt kaputtzumachen; es steht in der Tat nicht gut um das Klima und die regelbasierte Weltordnung. Und natürlich kann das jungen Menschen Angst machen und zur Frage führen, ob die Zukunft ihnen überhaupt noch den Raum eröffnet, Fragen nach dem Sinn im Leben zu stellen.

Kein ganz kleines Paket unter Umständen. Aber grundsätzlich gefragt: Kann nicht die Sinnsuche das Leben auch über Gebühr beschweren?

Betzler: Man kann diese Rede vom Sinn des Lebens schon auch für wahnsinnig perfektionistisch und überfordernd halten. Jetzt müssen wir auch noch Sinn im Leben realisieren. Womöglich muss man sich, wenn einem starke, existenzielle Zweifel kommen, auch manchmal am Schopf packen und sich sagen, Sinn ist vielleicht doch nicht alles. V.a. ist die beständige Frage, ob dieses oder jenes meinem Leben Sinn gibt, häufig „ein Gedanke zu viel“. Besser ist, „einfach zu machen“, d.h. sich wertschätzend zu engagieren. Häufig stellt sich das Gefühl der Sinnerfüllung dann von selbst ein.

Prof. Dr. Monika Betzler ist Inhaberin des Lehrstuhls für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU.

Prof. Dr. Christof Rapp ist Inhaber des Lehrstuhls für Antike Philosophie an der LMU und Direktor des LMU Center for Advanced Studies (CAS).

Forschung zum Sinn des Lebens am CAS:

Am Center for Advanced Studies (CAS) widmet sich ein neuer Schwerpunkt dem „Meaning of Life“. Christof Rapp und Monika Betzler gehören zu den maßgeblich beteiligten Forschenden.

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